Burchard von Oettingen und Altefeld

Streben nach der Vollendung

Burchard v. Oettingen wurde 1850 in Riga als Sohn des Rittergutsbesitzers August v. Oettingen geboren. In Dorpart besuchte er die Schule und studierte am gleichen Ort später Mathematik. Danach meldete er sich beim 1. Garde-Feldartillerie-Regiment, wo er 1889 als Hauptmann verabschiedet wurde. Während seiner Soldatenzeit war er ein erfolgreicher Rennreiter und schon seit seiner frühen Jugend eng mit der Reiterei verbunden. Deshalb quittierte er seinen Militärdienst, um in die Preußische Gestütsverwaltung einzutreten.

In Gudwallen begann er seine Tätigkeit als Landstallmeister 1888 und übernahm 1892 die Leitung des Hauptgestüts Beberbeck in Hessen. Gekrönt wurde seine Laufbahn als Gestütsleiter mit der Berufung in das Mekka der Preußischen Pferdezucht nach Trakehnen.
In der Zeit von 1895 bis 1911 war Burchard v. Oettingen neben seinem großen züchterischen Einsatz besonders mit der umfassenden Neugestaltung der Gestütsgebäude beschäftigt.

Sein Talent für Bauwesen und Landschaftsgestaltung ließ Trakehnen zu einem wahrlichen Mustergestüt werden. Eine besonders große Aufgabe war der Wiederaufbau von Trakehnen, das während des 1. Weltkrieges von den Russen zerstört wurde. Er verfügte über sehr gute Verbindungen zum Oberpräsidium nach Königsberg und zur Regierung nach Berlin, so daß die notwendigen Mittel für den Wiederaufbau schnell zur Verfügung gestellt wurden. Als Trakehner-Landstallmeister wurde Burchard v. Oettingen von seinem Schwiegersohn Kurt Graf Sponeck, der seine Tochter Marissa geheiratet hatte, abgelöst. In Ostpreußen hat er die Trainings- und Prüfungsarbeit für die Beschäler der Landgestüte eingeführt. Das Jagdreiten mit der Meute hat er in Trakehnen aufleben lassen, ebenso führte er das Stutbuch mit viel Einsatz und Energie.

Besonders zugetan war er jedoch der Zucht der edelsten Pferde, den Vollblütern. Dabei hat er aber nie die Notwendigkeit der Erhalterhengste, wie z. B. Optimus, Morgenstrahl oder Polarsturm, übersehen und diese in der Zucht eingesetzt. Der große Wurf ist Burchard v. Oettingen mit dem Ankauf des Vollblüters DARK RONALD gelungen. Für diesen Ausnahme-Hengst hatte die Preußische Gestütsverwaltung 1913 sage und schreibe 500.000,- Goldmark berappen müssen. Die bis heute erfolgreichste Hengstlinie von Surumu xx geht unmittelbar auf Dark Ronald zurück und verdeutlicht den Einfluß von Dark Ronald damals wie heute.

Sein Haupt- und Lebenswerk war jedoch die Schaffung einer umfassenden Gestütsanlage, die den Anforderungen einer erstklassigen Vollblutzucht im Hinblick auf Bodenbeschaffenheit, Klima und Gebäuden gerecht wird. Burchard v. Oettingen setzte seine ganze Kraft in die Idee, einen würdigen Nachfolger für das Hauptgestüt Graditz zu schaffen. Um dieses neue Gestüt optimal zu planen, unternahm er mit seinem Gestütsarchitekten Friedrich Kuebart Reisen zu den Gestüten Kirsber, Savar und Babolna. Aber besonders eigene Erfahrungen aus Trakehnen und Beberbeck wurden bei der Planung von Altefeld berücksichtigt, verbessert und übernommen.

Das Hauptgestüt Altefeld wurde in einer offenen aufgelockerten Form geplant und gebaut. Die Stallbauten mit den Deputatshäusern liegen weit voneinander entfernt und schmiegen sich herrlich in die schöne Landschaft des Ringgau ein. Auch das Ausbreiten von Seuchen sollte dadurch verhindert werden. Der Leitgedanke bei der Planung von Altefeld war jedoch eine möglichst natürliche Aufzucht der Pferde, eine natürliche Bewirtschaftung der Weiden- und Feldflächen sowie eine angemessene Unterkunft für die Beschäftigten des Gestüts. Die Wohnhäuser werden auch den Ansprüchen unserer Zeit gerecht und die Stallungen mit ihren geräumigen Boxen, den hohen Wänden und den großen Fenstern können auch heute nicht besser geplant werden.

Alle Stallanlagen verfügen über befestigte Paddocks, so daß bei jeder Witterung Bewegung im Freien möglich ist. Die Koppeln sind mit einem praktischen Wegenetz verbunden, so daß die Herden ohne viel Aufwand auf- und umgetrieben werden können.

Und so bildet das Hauptgestüt Altefeld den krönenden Abschluß in der Geschichte der großen preußischen Gestüte.

Es verkörpert Oettingens Streben nach der Vollendung. Im Jahre 1911 wird Burchard v. Oettingen in das Preußische Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten berufen und 1912 zum Preußischen Oberlandstallmeister ernannt. Er ist mit Sicherheit eine der herausragendsten Persönlichkeiten, denen die Führung der Preuß. Gestütsverwaltung anvertraut war. Burchard v. Oettingen war intelligent, vielseitig begabt und sehr gebildet. Seine Literarischen Werke DIE PFERDEZUCHT – GRUNDZÜGE DER PFERDEZUCHT und DAS VOLLBLUTPFERD fanden große Beachtung und zählen noch heute zu den Standardwerken über Pferdezucht. Hier ein Zitat aus DIE PFERDEZUCHT: „In der Halbblutzucht ist ein Vollbluthengst, der wenig Adel hat und auf der Rennbahn eine deutliche Niete war, ebenso wenig zu empfehlen wie ein Halbbluthengst, der in den Knochen zu leicht ist und im Gebäude nicht genügend korrekt. Ersterer soll ja hauptsächlich Leistungsfähigkeit und Adel, letzterer Stärke und Korrektheit in der Nachzucht liefern. Ich nehme lieber einen ungeprüften Vollbluthengst als eine ausprobierte Niete.“

Der unglückliche Ausgang des 1. Weltkrieges bescherte ihm viele schwierige Aufgaben. In kurzer Zeit wurde dem deutschen Pferdezüchter durch die wirtschaftliche Entwicklung klar, daß die Zucht möglichst schnell vom Militärpferd auf ein Wirtschaftspferd umgestellt werden muß. Für Burchard v. Oettingen war diese Umstellung keine leichte, hatte er doch als begeisterter Rennreiter und Soldat auf ein vollblutgeprägtes Pferd gesetzt. Für die Umstellung blieb wenig Zeit, er trat 1920 in den wohlverdienten Ruhestand und starb 1923 in Berlin.